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Wo stehen die Chancen auf klaren Himmel am besten?

Veröffentlicht 14. August 2026

Kurz gesagt: Die Meerenge von Gibraltar ist der wolkigste Abschnitt des Finsternispfads zwischen Atlantik und Rotem Meer – Tarifa hat trotz langer Totalität nur 67 % Chance auf klaren Himmel. 60 Kilometer weiter östlich sind es 82 %. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte umdenken.

Sechs Minuten Totalität hinter einer Wolkenbank sind weniger wert als drei Minuten unter klarem Himmel. Trotzdem drehen sich fast alle Artikel zur Sonnenfinsternis vom 2. August 2027 ausschliesslich um die Dauer. Ich habe deshalb die andere Hälfte der Frage gerechnet: Wie oft war der Himmel an diesen Orten in den letzten 30 Jahren um die Finsternis-Uhrzeit tatsächlich klar?

Grundlage sind ERA5-Reanalysedaten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage – 30 Jahre (1995–2024), jeweils vom 26. Juli bis 9. August, jeweils zu den Stunden, in denen der Kernschatten die jeweilige Region überquert. Ausgewertet habe ich den Anteil der Fälle mit praktisch klarem Himmel (unter 25 % Bewölkung). Die vollständige Methodik steht hier.

Das Ergebnis widerspricht an einer entscheidenden Stelle der gängigen Empfehlung.

Die Meerenge von Gibraltar ist der wolkigste Abschnitt zwischen Atlantik und Rotem Meer

Tarifa gilt in praktisch jedem deutschsprachigen Artikel als der Ort für die Finsternis in Europa – der südlichste Punkt des Festlands, 4 Minuten 39 Sekunden Totalität, mehr als irgendwo sonst an der spanischen Küste. Was dabei niemand erwähnt: Tarifa hat mit 67 % die niedrigste Klarhimmel-Wahrscheinlichkeit aller Totalitätsorte zwischen Atlantik und Rotem Meer – schlechter als jeder Ort in Marokko, Tunesien, Libyen und Ägypten.

Ort Totalität klarer Himmel
Tarifa 4m 39s 67 %
Ceuta 4m 48s 68 %
Tanger 4m 50s 68 %
Tétouan 4m 51s 70 %
Algeciras 4m 26s 73 %
Gibraltar 4m 27s 75 %
—
Estepona 3m 37s 82 %
Marbella 3m 17s 82 %
Fuengirola 3m 10s 80 %
Chefchaouen 4m 13s 76 %
Ronda 1m 14s 82 %

Die Ursache ist ein bekanntes lokales Wetterphänomen: Bei Ostwind (Levante) staut sich feuchte Mittelmeerluft an den Bergen beidseits der Meerenge und bildet Wolkenbänke, die sich genau über Tarifa, Algeciras, Ceuta und Tanger festsetzen können – während 60 Kilometer weiter östlich die Sonne scheint.

Ich kenne das Muster von Tarifa: Über der Meerenge hängt die Bewölkung fest, während weiter östlich Richtung Estepona die Sonne scheint. Was ich für eine Anekdote hielt, steht so in 30 Jahren Wetterdaten – in der Finsternis-Berichterstattung kommt es dagegen nicht vor.

Man sollte die Zahlen nicht überinterpretieren: Zwischen 67 % und 73 % liegt viel Zufall, und das Datenraster ist rund 28 Kilometer grob. Aber die Spanne zwischen der Meerenge (67–70 %) und der Costa del Sol (80–82 %) ist deutlich und über 30 Jahre stabil – das ist kein Rauschen.

Was passiert, wenn man Dauer und Wetter zusammen rechnet

Ich habe dafür eine simple Kennzahl gebildet, den SoFi-Score: Totalitätsdauer in Minuten × Wahrscheinlichkeit für klaren Himmel. Er beziffert, wie viele Minuten Totalität man im Erwartungswert tatsächlich zu sehen bekommt. Für die Region Andalusien/Nordmarokko sortiert das die Rangfolge spürbar um:

Rang (Score) Ort Score Dauer klar Rang nach Dauer
1 Tétouan 3,38 4m 51s 70 % 1
2 Gibraltar 3,33 4m 27s 75 % 7 ↑
3 Tanger 3,31 4m 50s 68 % 2
4 Melilla 3,27 4m 33s 72 % 6 ↑
5 Asilah 3,27 4m 44s 69 % 4
6 Ceuta 3,25 4m 48s 68 % 3 ↓
7 Algeciras 3,24 4m 26s 73 % 8 ↑
8 Al Hoceïma 3,23 4m 25s 73 % 9 ↑
9 Chefchaouen 3,22 4m 13s 76 % 12 ↑↑
10 Zahara de los Atunes 3,19 4m 24s 72 % 10
11 Tarifa 3,13 4m 39s 67 % 5 ↓↓
12 Nador 3,05 4m 15s 72 % 11 ↓
13 Estepona 2,97 3m 37s 82 % 15 ↑

Tarifa fällt von Platz 5 auf 11, Gibraltar steigt von 7 auf 2, Chefchaouen von 12 auf 9. Estepona, das nach reiner Dauer kaum jemand auf dem Zettel hat, holt einen Grossteil des Rückstands über das bessere Wetter wieder auf.

Die praktische Konsequenz ist aber weniger dramatisch, als die Tabelle wirkt – und das ist die eigentlich wichtige Botschaft: In Südspanien liegen alle Optionen zwischen 67 % und 82 %, also im Bereich “wahrscheinlich gut, aber nicht sicher”. Statt sich auf einen Ort zu versteifen, ist die richtige Strategie hier Mobilität: Unterkunft buchen, wo es Verfügbarkeit und Preis erlauben, am Finsternismorgen den Satellitenfilm anschauen und notfalls 30 bis 60 Minuten fahren. Genau diese Flexibilität ist der grösste Vorteil, den Andalusien gegenüber jedem Flugreiseziel hat.

Wer die Wahl zwischen mehreren Küstenorten hat, sollte dabei den Osten mitprüfen: An der Costa del Sol liegt die Klarhimmel-Wahrscheinlichkeit rund fünfzehn Prozentpunkte über der Meerenge, bei nur einer Minute weniger Totalität. Was in Estepona noch frei ist*, lässt sich für die Nächte um den 2. August direkt vergleichen.

Weiter östlich wird es eindeutig

Ab Tunesien kippt das Bild vollständig:

Ort Land Totalität klar Score
Girga Ägypten 6m 23s 98 % 6,23
Sohag Ägypten 6m 22s 98 % 6,21
Luxor Ägypten 6m 20s 96 % 6,09
Qena Ägypten 6m 09s 97 % 5,98
Bengasi Libyen 6m 09s 92 % 5,65
Siwa-Oase Ägypten 5m 31s 99 % 5,47
Sfax Tunesien 5m 39s 93 % 5,28
Marsa Alam Ägypten 5m 28s 91 % 4,98
Djerba Tunesien 4m 42s 96 % 4,49

Das Niltal zwischen Sohag und Luxor ist der objektiv beste Ort der Welt für diese Finsternis: über sechs Minuten Totalität bei nahezu garantiert klarem Himmel. Die Siwa-Oase hat mit 99 % den besten Wetterwert überhaupt – dafür eine anspruchsvolle Anreise.

Zwei Details, die in der Planung oft untergehen:

Die südliche Rotmeerküste ist wolkiger als das Niltal. Marsa Alam kommt auf 91 %, Luxor auf 96 %. Weiter nördlich ist es paradoxerweise klarer – Hurghada und El Gouna erreichen 98 %, liegen aber ausserhalb der Totalitätszone. Auch Safaga, 60 Kilometer südlich von Hurghada, kommt auf 97 % klaren Himmel – und mit 99,6 % Bedeckung trotzdem nicht in die Zone. Für alle, die Strandurlaub mit Totalität kombinieren wollen, bleibt Marsa Alam die beste Wahl: Es ist der einzige grosse Badeort innerhalb der Zone. Warum 98,5 % keine Finsternis sind und welche zwei Auswege es von Hurghada aus gibt, steht in Reicht Hurghada?.

Djerba ist der stille Gewinner. 96 % klarer Himmel, 4m 42s Totalität, Charterflüge und Hotelkapazität – und damit ein besserer Erwartungswert als jeder Ort in Spanien oder Marokko. Die tunesischen Bade-Hochburgen Sousse und Monastir liegen dagegen knapp ausserhalb der Zone (99,9 % – und trotzdem keine Totalität); von dort ist es eine kurze Fahrt südwärts. Wer den Erwartungswert über die reine Dauer stellt, findet Unterkünfte auf Djerba* hier im Überblick – die Kontingente der Charterveranstalter sind endlich.

Und zu Hause?

Für alle, die nicht reisen: Die partielle Finsternis ist im deutschsprachigen Raum sichtbar – nur ist das Wetterrisiko dort ein ganz anderes. Anfang August liegt die Wahrscheinlichkeit für klaren Himmel in München bei 26 %, in Zürich bei 29 %, in Frankfurt bei 33 %, in Wien bei 39 % und in Berlin bei 46 %. Auch daheim ist die Finsternis also ein Wolkenlotto – nur mit deutlich schlechteren Quoten als überall entlang des Kernschattens.

Wie belastbar sind diese Zahlen?

Drei Einschränkungen, die dazugehören:

Es ist Klimatologie, keine Vorhersage. Die Werte sagen, wie oft der Himmel an diesen Kalendertagen historisch klar war. Was am 2. August 2027 passiert, weiss niemand vor Ende Juli 2027.

Das Raster ist grob. ERA5 arbeitet mit 0,25° Auflösung, also rund 28 Kilometern. Nachbarorte teilen sich dadurch teilweise dieselbe Datenzelle – Melilla und Nador etwa, oder Conil und Vejer. Unterschiede von ein, zwei Prozentpunkten sind deshalb bedeutungslos; Unterschiede von zehn und mehr sind es nicht.

Lokale Effekte fehlen. Küstennebel am frühen Morgen, Hangbewölkung, Talnebel – solche Phänomene bildet ein 28-Kilometer-Raster nur teilweise ab. Wer an einem konkreten Ort plant, sollte lokale Erfahrungswerte ergänzen.

Unterm Strich bleibt die Empfehlung aber robust: Ägypten und Tunesien sind Wetter-sicher, Südspanien und Nordmarokko sind gut, aber nicht sicher – und wer dort hinfährt, sollte Beweglichkeit einplanen statt sich auf den Ort mit der längsten Totalität zu fixieren. Die vollständigen Werte für alle 56 Orte stehen in der Ortsübersicht, die räumliche Verteilung auf der Karte.

Mit * markierte Links sind Empfehlungs-Links. Buchst du darüber, erhalte ich eine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts.

Häufige Fragen

Wo ist die Wahrscheinlichkeit für klaren Himmel bei der Sonnenfinsternis 2027 am höchsten?

In Ägypten: Die Siwa-Oase kommt in 30 Jahren ERA5-Daten auf 99 % praktisch klaren Himmel, das Niltal um Girga und Sohag auf 98 %. In Kombination mit über sechs Minuten Totalität ist die Region Girga–Sohag–Luxor der objektiv beste Standort.

Ist Tarifa ein guter Ort für die Sonnenfinsternis 2027?

Für die Dauer ja (4m 39s), für das Wetterrisiko nein: Tarifa hat mit 67 % die niedrigste Klarhimmel-Wahrscheinlichkeit aller Totalitätsorte zwischen Atlantik und Rotem Meer. Ursache sind Wolkenbänke an der Meerenge von Gibraltar bei Levante-Wind. Wer dort plant, sollte einen mobilen Plan B Richtung Osten einkalkulieren.

Was ist der SoFi-Score?

Der SoFi-Score multipliziert die Totalitätsdauer in Minuten mit der historischen Wahrscheinlichkeit für klaren Himmel. Er beziffert den Erwartungswert an tatsächlich erlebten Totalitäts-Minuten – und sortiert das reine Dauer-Ranking teils deutlich um.

Sagen die Wolkendaten das Wetter am 2. August 2027 voraus?

Nein. Es handelt sich um Klimatologie: Sie zeigt, wie oft der Himmel an diesen Kalendertagen in den letzten 30 Jahren klar war. Eine konkrete Wettervorhersage gibt es erst wenige Tage vor der Finsternis. Für die Standortwahl Monate im Voraus ist die Klimatologie trotzdem das beste verfügbare Werkzeug.

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